
Eine Mauer hat schon einmal zwei Völker voneinander getrennt - und auch die beiden Mädchen Stella und Luna müssen erst eine Wand einreißen, um zueinanderzufinden. Dies ist in aller Kürze die Geschichte, die die Holländerin Bente Jonker in ihrem Kinderstück »Der zerbrochene Schlüssel« erzählt.
Die Schauspielerinnen Kyra Lippler und Carolin Weber spielen das Stück, inszeniert von Meike Niemeyer und mit Kostümen und Bühnenbild von Thomas Döll versehen, zurzeit im Theaterstudio im Löbershof. Gestern war Premiere, weitere Vorstellungen sind am 17. und 31. Oktober jeweils um 11 Uhr.
Das Schifferkind Stella und Luna, die im Nachbarhaus lebt und deren Mutter den ganzen Tag berufstätig ist, leben Wand an Wand - ohne sich zu kennen. Während die eine den Tag mit ihrer uralten Großmutter verbringt, beschäftigt sich die andere mit ihrer Puppe Clara. Und dabei hätten beide doch so gerne eine echte Freundin. Doch nicht nur die Wand trennt die beiden Mädchen voneinander; auch die Vorurteile, die den beiden von den Erwachsenen mit auf den Weg gegeben worden sind. Da ist von Menschenfressern und Räubern die Rede, die angeblich auf der anderen Seite wohnen. Doch am Ende siegt die Neugierde und Stella und Luna nutzen einen zerbrochenen Schlüssel, um die Trennwand zu öffnen und sich kennenzulernen.
Lippler und Weber spielen die beiden Mädchenfiguren mit spürbarer Freude am Kindsein. Auf der kleinen runden Drehbühne - die eine Hälfte in knalligem Lila-Orange dekoriert, die andere in Grün-Türkis-Tönen - agieren sie im Mikrokosmos der beiden Mädchen, lassen mal die Oma als fast lebensgroße Puppe sprechen, mal die Puppe Clara ihre mahnenden Worte von sich geben. Und drumherum rauscht das Meer, das durch seidene Vorhänge symbolisiert wird. Immer wieder drehen die beiden Schauspielerinnen die Bühne, damit mal die kleine Welt der einen, mal der anderen im Vordergrund steht. Mond, Meer und Möwe sind die einzigen Besucher auf ihrem Eiland.
»Der Zerbrochene Schlüssel« war 2008 für den Deutschen Kindertheaterpreis nominiert. Es ist die zarte, mit poetischen Bildern angereicherte Geschichte von den zwei Königskindern, die kaum zueinanderfinden können. Es ist aber auch ein Appell für Toleranz und den Mut, das vermeintlich Fremde zu entdecken und in sein eigenes Leben hineinzulassen. Insofern ist das Stück zugleich politisch - auch wenn die kleinen Zuschauer, die idealerweise ab sechs Jahre alt sein sollten, das nicht bewusst wahrnehmen, sondern einfach nur eine knappe Stunde wunderschönes Theater genießen. Karola Schepp, 08.10.2010, Gießener Allgemeine Zeitung